ChessBase Magazin

Spanisch Marshall-Angriff mit 11...Lb7!?

Einfach entwickeln!

Robert Ris lobt 11…Lb7!? im Marshall-Angriff

Unsere Ausgangszüge lauten 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0-0 8.c3 d5 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 Lb7!?.

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Der Marshall-Angriff (8…d5) in der Spanischen Partie ist bei vielen Schachspielern gefürchtet, obwohl es gleichzeitig viele gibt, die es bewusst nicht in ihr Repertoire aufnehmen. Fast alle Varianten sind bis zum 40. Zug ausgearbeitet, und als Schwarzer muss man sich tatsächlich viel merken, da die Kompensation für den Bauern sonst möglicherweise nicht ausreicht. Nicht gerade spaßig, wie man sich vorstellen kann. Dieser Artikel könnte Ihre Meinung zu dieser Eröffnungsvariante ändern, denn ich werde das weniger bekannte 11…Lb7 untersuchen, das meiner Meinung nach eine durchaus spielbare Alternative zur Hauptfortsetzung 11…c6 darstellt.

Indem Schwarz den Läufer auf die lange Diagonale entwickelt, macht er seine Absichten deutlich und hofft, mit Hilfe des starken Läuferpaares einen kraftvollen Angriff zu starten. Natürlich ist die Sache nicht so einfach. Außerdem behält Schwarz die Option, den Zug …c7-c5 zu spielen, was positionell gesehen eine deutliche Verbesserung seiner Stellung darstellt.

Im Diagramm hat Weiß im Grunde nur zwei ernsthafte Züge, A) 12.Df3 und B) 12.d4.

A) 12.Df3

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Ein direkter Versuch, die etwas anfällige Stellung der schwarzen Leichtfiguren auf b7 und d5 auszunutzen. Schwarz verfügt jedoch über die ausgezeichnete Möglichkeit 12…Ld6!.

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Jetzt führt sowohl 13. Te1 als auch 13. Txd5 für Weiß bereits zum Verlust, siehe die Analyse der Partie Borjini,M - Abicht,H 1-0.

Stattdessen verläuft die Hauptvariante 13. Lxd5 c6!,

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wonach der Turm irgendwo auf der e-Linie zurückweichen muss. In der Analyse der Partien Ivanchuk,V - Kamsky,G ½-½ and Saric,I - Gukesh,D ½-½ wird man feststellen, dass Schwarz für den Bauern ausreichend Kompensation erhält.

B) 12.d4

Die natürlichste Vorgehensweise ist die Hauptoption für Weiß. Schwarz sollte hier 12…Lf6 folgen lassen,

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wonach Weiß die Wahl hat:

B1) 13.Tf5

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Ehrlich gesagt wirkt dieser Zug etwas seltsam und wurde bisher auch erst einmal gespielt. Da aber Nakamura die weißen Figuren führte, sollten wir ihn wohl ernster nehmen. In meiner Analyse werden Sie sehen, dass Schwarz mehrere vernünftige Antwortmöglichkeiten hat. Kein Wunder, denn der Turm steht auf der f-Linie etwas fehl am Platz. Siehe Nakamura,H - Predke,A 1-0.

B2) 13.Te1

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Das natürlichste Feld für den Turm. Schwarz hat eine Reihe von Möglichkeiten.

B21) 13...c5?!

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Das Opfern eines zweiten Bauern ist ein ambitionierter Versuch, das Spiel aktiver zu gestalten. Diese Idee wurde erstmals 1993 in der Partie Anand,V - Short,N ½-½. angewendet. Die Engine ist jedoch recht kritisch und zeigt, dass Weiß mit einem klaren Vorteil rechnen kann, wenn er 14.dxc5 Re8 15.a4!? wählt.

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B22) 13...Dd6

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Dieser Damenzug ist in Marshall-Stellungen üblich; Schwarz verbindet die Türme und ist bereit für aktives Spiel im Zentrum. In der Partie Tan,Z - Kosteniuk,A 0-1 folgte 14.Sd2 Tae8 15.Lc2 Txe1+ 16.Dxe1 Dc6, und hier glaube ich, dass die Verbesserung 17.Le4!

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für Schwarz tatsächlich immer noch ziemlich unangenehm ist.

B23) 13...Te8

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Den Kampf um die e-Linie aufzunehmen, ist für Schwarz die vielversprechendste Option und wurde bereits von verschiedenen Großmeistern erprobt, darunter Magnus Carlsen. Ein kurzer Überblick:

1) In der Partie Howell,D - Carlsen,M ½-½, entschied sich Weiß für den Turmtausch (14.Txe8+), geriet aber bald in eine leicht unterlegene, wenn auch haltbare Stellung.

2) Ein anderer Ansatz wäre 14.a4?!, aber nach 14…b4!

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bekam Weiß einige ernsthafte Probleme mit seiner Damenflügelentwicklung. Eine sehr lehrreiche Partie ist Hjartarson,J - Adams,M 0-1.

3) 14. Ld2 wirkt wie ein Anti-Entwicklungszug, da der Läufer den Springer daran hindert, nach d2 zu gehen. Der Hauptvorteil liegt jedoch in der besseren Kontrolle über b4. Interessant ist die Partie Anand,V - Hracek,Z 1-0, in der Schwarz 14…a5 spielte, um positionelle Kompensation für den Bauern zu beweisen. In neueren Partien wurde mit dem direkteren 14…Txe1+ 15. Dxe1 und nun auch 15…b4!? experimentiert, was zu äußerst komplizierten Stellungen führen kann. Im Marshall gibt es eben für jeden etwas!

4) 14.Sd2 ist ein logischer Zug, hat aber den klaren Nachteil, die Kontrolle über das Feld f4 aufzugeben. Die Folge 14…Sf4 15.Sf3 Lxf3 16.Txe8+ Dxe8 17.gxf3 Lg5 18.Lxf4 Lxf4

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ist recht logisch. Der Königsflügel von Weiß ist zu verwundbar, als dass er wegen des Mehrbauern auf Vorteil pochen könnte. In den Anmerkungen zur Partie Santos Latasa,J - Raja,H 1-0 finden sich einige faszinierende Varianten, doch bei korrektem Spiel bleibt die Stellung ausgeglichen.

5) Der letzte Versuch ist 14.Sa3 mit der Idee, den Springer nach c2 zu bringen. Schwarz sollte mit 14…b4! antworten,

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wodurch Weiß’ ursprüngliche Pläne durchkreuzt werden, der Springer aber stattdessen nach c4 gelangen kann. In der Partie Wei,Y - Erigaisi,A ½-½ zeigte sich Schwarz sehr gut vorbereitet und erreichte ein komfortables Remis.

Fazit: Meiner Meinung nach hat 11…Lb7!? nunmehr 11…c6 als absolute Hauptvariante des Marshall-Angriffs abgelöst. Beide Züge sind objektiv betrachtet gleich gut, aber das Entwickeln des Läufers wirkt natürlicher. Zudem erfordert 11…Lb7!? deutlich weniger Auswendiglernen von forcierenden Varianten, die man nach 11…c6 kennen muss. Eine hervorragende praktische Waffe für Schwarz!