von Mihail Marin
Einleitungsvideo
Interaktive Videos
Knaak - Kholmov (1977)
Marin - Foisor (1986)
Anhand der im Einführungsvideo vorgestellten Ideen habe ich das Material in die folgenden Kategorien eingeteilt:
- A) Elementare positionelle Faktoren in Stellungen mit (nahezu) symmetrischer Struktur
- B) Ein zusätzlicher Freibauer im Zentrum
- C) Komplexe Mittelspielstrukturen
- D) Die (beiderseitige) Königssicherheit
A) Elementare positionelle Faktoren in Stellungen mit (nahezu) symmetrischer Struktur
Die in diesem Abschnitt untersuchten elementaren positionellen Faktoren sind die Figurenaktivität und die Königsflügelstruktur. Der Freibauer wird im Abschnitt B im Mittelpunkt stehen.

In Marin,M - Lianes Garcia,M 1-0 stand Weiß nur symbolisch besser. Beide Seiten werden bald die optimale Königsflügelkonfiguration mit h4, g3, Kg2 erreichen (und symmetrisch für Schwarz). Weiß kontrolliert die e-Linie, die sich in unmittelbarer Nähe des Königsflügels befindet, aber Schwarz kann prinzipiell Gegenspiel auf der c-Linie beginnen und hat gute Chancen auf Ausgleich. Wir können die Stellung als nur zeitweilig +1 für Weiß bewerten (aufgrund seiner höheren Aktivität), was bedeutet, dass Schwarz sich verteidigen können sollte. In der Partie spielte er passiv und erlaubte Weiß so, seine Dominanz auf der e-Linie auszubauen und ein gewonnenes Endspiel zu erreichen.
In der nächsten Partie, Nikolov,S - Boucek,V 1-0, sah es für Weiß besser aus.

Weiß hat bereits die optimale Königsflügelkonfiguration erreicht und droht bereits Te7. Mathematisch lässt sich dies als +2-Vorteil beschreiben, das heißt bessere Königsflügelstruktur und aktivere Figuren, was exzellente Gewinnchancen bedeutet.
Im nächsten Beispiel Schandorff,L - Doettling,F 1-0 ist der Vorteil von Weiß noch deutlicher.

Weiß verfügt über eine überwältigende Aktivität und hat einen klaren strukturellen Vorteil am Königsflügel erreicht. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Weiß gewinnen sollte, doch wie wir sehen werden, ist es selbst mit einem solch überwältigenden Vorteil nicht einfach, den besten Plan zu finden. Noch extremer ist das Bild in Shirov,A - Moehn,H 1-0.

Zusätzlich zu all den oben genannten Elementen hat Schwarz eine chronische Schwäche auf f5. Doch die Art und Weise, wie ein so starker Spieler wie Schirov seinen Vorteil völlig verspielte, ist eine Warnung bezüglich der Genauigkeit, die Weiß in solchen Situationen benötigt.
B) Ein zusätzlicher Freibauer im Zentrum
Wir beginnen mit der Betrachtung einiger Beispiele, in denen das Feld c6 für die weißen Figuren verfügbar ist, was den Plan ermöglicht, die blockierende Figur mit Dc6 oder Tc6 abzutauschen.

Im Verlauf der Partie Potkin,V - Abdusattorov,N ½-½ war die Lage am Königsflügel ausgeglichen. Der Vorteil im Zentrum (+1) bietet Weiß gute praktische Chancen, deren Verwertung jedoch stark von seiner Präzision in der technischen Phase abhängt.
In Flear,G - King,D ½-½ war die Stellung fast identisch:

Und dennoch lässt sich eine minimal bessere weiße Koordination feststellen und eine gewisse Unordnung im schwarzen Lager aufgrund des Königs auf h8. Kings Versuch, seine Königssituation sofort zu verbessern, hätte beinahe zu einer schnellen Niederlage geführt.
Goryachkina,A - Ju,W ½-½ war die Partie, die mich zu diesem Artikel inspirierte.

Schwarz ist recht aktiv, wobei das Hauptproblem die unvollkommene weiße Königsstellung ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es mit dem Bauern auf f3 kaum eine Chance gibt, künftig eine günstige Konfiguration zu erreichen. Dies bietet Weiß lediglich einige praktische Möglichkeiten, die sie nicht optimal nutzte.
Wenn wir Bauern auf der b-Linie hinzufügen (den schwarzen auf b7), könnte es für Weiß etwas komplizierter werden. Der naheliegende Plan wäre, seine Bauern nach b5 und a6 vorzurücken, um wie in den vorherigen Beispielen das Feld c6 zu erobern. Und wenn Schwarz mit ...a7-a6 reagiert, könnte eine Stellung entstehen wie in Kuijpers,F - Cortlever,N 1-0.

Wie wir sehen werden, ist dies für Schwarz nicht sicher genug, da Weiß nun einen zusätzlichen Plan zur Verfügung hat. Aber in der Partie hätte der Königsflügel später zum Hauptproblem werden können.
C) Komplexe Mittelspielstrukturen
In diesem Abschnitt untersuchen wir eine Reihe von Beispielen, die aufgrund der komplexen Bauernstrukturen eher dem Mittelspiel als dem Endspiel zuzuordnen sind. Fehlen Leichtfiguren, ist die Bedeutung schwacher Felder im Vergleich zu üblichen Mittelspielen jedoch etwas anders. In Karpov,A - Andersson,U 1-0 hatte Weiß eine günstige Version der Karlsbader Struktur.
Doch selbst für Spieler von so hoher technischer Klasse wie Karpov war es alles andere als einfach, den besten Plan zu finden und die sich zufällig bietenden Chancen zu nutzen.
Klarer war die Sache in Marin,M - Hebert,J 1-0 mit der gleichen Karlsbader Struktur.

Schwarz' Königsflügel ist chronisch schwach, und Weiß übt auch am Damenflügel starken Druck aus. Ach, und keine Sorge, die Leichtfiguren werden bald verschwinden! Mit den beiden folgenden Beispielen leiten wir zum nächsten Abschnitt über, da die Sicherheit des Königs in diesem grundsätzlich strategischen Kampf eine wichtige Rolle spielen wird. In Bernstein,O - Kotov,A 1-0 erreichte Schwarz eine vielversprechende Mittelspielstellung.

Da der Angriff von Weiß noch keine konkreten Formen angenommen hat, konzentriert sich die Haupthandlung derzeit auf ...b5-b4. Man spürt jedoch, dass langfristig beide Könige gefährdet sein könnten, sollte sich die Stellung öffnen.


Dies trifft zwar teilweise zu, doch wir werden sehen, dass Anti-Blockadeideen ebenfalls wichtig sind, insbesondere im Zusammenhang mit der latenten Verwundbarkeit des gegnerischen Königs.
D) Die (beiderseitige) Königssicherheit
In den in diesem Abschnitt untersuchten Partien spielen die Strukturen eine untergeordnete Rolle und sind in zwei von drei Partien sehr ungewöhnlich. Der Schwerpunkt liegt auf der gegenseitigen erwundbarkeit der Könige und der Figurenaktivität. In Bologan,V - Marin,M ½-½ haben wir eine typische Sizlianisch-Struktur.

Aber wie bei den meisten Sizilianern mit entgegengesetzten Rochaden bleibt die Geschwindigkeit und Effektivität beider Seiten im Angriff der entscheidende Faktor. Weiß schlug sich einige Züge lang gut und konnte das Gleichgewicht halten, verlor dann aber den Faden und wurde nur durch meine Zeitnot gerettet.
Marin,M - Condie,M ½-½ weist eine höchst ungewöhnliche Struktur auf, die in keinem Strategiehandbuch zu finden ist.

Noch deutlicher als oben dreht sich hier alles um Angriff, Gegenangriff und Verteidigung.
In Bernadskiy,V - Marin,M ½-½ wirkt die Struktur etwas „normaler“.
Manche Leser erraten vielleicht sogar, welche Eröffnung hier gespielt wurde. Doch um zu beurteilen, wessen König in größerer Gefahr ist, bedarf es mehr als nur eines kurzen Blicks.